SCHREIBTISCH. Literarisches Journal – Ausgabe 2018

5.00 von 5
(1 Kundenrezension)

9,00 

SCHREIBTISCH – so lautet der Titel des literarischen Journals, das 2017 sein Debüt feierte. Das Magazin vereint eine Vielzahl literarischer Gattungen: von Erzählungen über Limericks, Haiku bis hin zu Gedichten und lyrischer Prosa wird den Lesern so einiges geboten, was das literaturaffine Herz höher schlagen lässt, und all dies verschafft einen interessanten Einblick in die Werke zeitgenössischer Autoren.

VERGLEICHE
Artikelnummer: 978-3-946112-07-5 Kategorien: , ,

Beschreibung

SCHREIBTISCH – so lautet der Titel des literarischen Journals, das 2017 sein Debüt feierte. Das Magazin vereint eine Vielzahl literarischer Gattungen: von Erzählungen über Limericks, Haiku bis hin zu Gedichten und lyrischer Prosa wird den Lesern so einiges geboten, was das literaturaffine Herz höher schlagen lässt, und all dies verschafft einen interessanten Einblick in die Werke zeitgenössischer Autoren.

1 Bewertung für SCHREIBTISCH. Literarisches Journal – Ausgabe 2018

  1. 5 von 5

    Thomas Berger

    ABGRUNDS TIEFE
    Über die Erzählung „Der Schuh“ von Dana Polz

    Simona – Timo – Achim. Eine Geschichte über drei Menschen. Liebe – Sexualität – Ehe. Eine Geschichte über das Leben.

    Im Rückblick des Textes befinden wir uns auf einer Vernissage. Timo, deutlich jünger als Simona, stellt zum ersten Mal Fotografien aus. Die Themen: „Hauterkrankungen, Hundescheiße, Tierkadaver“, wie wir überrascht und irritiert lesen. Während der Veranstaltung, die mit einer Lesung Simonas untermalt wird, entspinnt sich zwischen dem Studenten und der verheirateten Frau, die einander zuvor nicht kannten, ein bizarres Gemisch aus Anziehung und Abstoßung, Begehren und Kälte. Der Abend mündet in eine Nacht des sexuellen Abenteuers der beiden. Die leitmotivische Frage taucht auf: Liebte sie ihn?

    Wir sind im Haus der Eheleute am Morgen danach. Eine lähmende Frühstücksatmosphäre. Wortlos bereut Simona die Begegnung mit Timo.

    In den Tagen danach gelingt es ihr beinahe gänzlich, alles, was sie an den jungen Mann erinnert, abzutöten – beinahe; denn als sie ihn auf einer ihrer Lesungen wiedertrifft, enthüllen sich erneut ihrer beider widersprüchliche Seiten. Im Bett geben sie sich einem sexuellen Rausch hin. Danach entdeckt sie mit Ekel seine „wulstigen Narben“. Während Simona auf dem Boden liegt und nach dem weggerutschten – titelgebenden – Schuh sucht, erklärt Timo schnörkellos, was er seinerseits bemerkt hat: „Dass du ein Krüppel bist.“

    Spät am Abend kehrt sie zu ihrem Ehemann zurück. Achim ist stark alkoholisiert, bringt mühsam heraus: „Ich dachte, du hast mich verlassen.“ Sie gibt vor, nach der Lesung bei ihrer Freundin Ellen gewesen zu sein.

    Erneut ein Rückblick. In einer Kneipe lernten sich die beiden kennen. Sie verspottete ihn wegen seiner „Schlachterhände“ – und verliebte sich in ihn.

    Zurück zum späten Abend. Sie bekennen einander, dass sie sich brauchen und dass sie füreinander Mann und Frau bleiben wollen. Wild küssen sie sich. „Seine Unnachgiebigkeit, seine Verachtung, seine Kälte; er war Granit.“ Und erneut die Frage: Liebte sie ihn?

    Nun wieder zur zweiten Nacht, die Simona mit Timo verbringt. Während er sie und sich rätselhaft fragt, „was das ist bei dir“, und von einer „Verbindung zwischen uns“ spricht, weist sie ihn brüsk ab. Wir ahnen, dass es um die jeweiligen körperlichen Makel geht und dass hier wohl ein, wenn auch nicht aufgeklärter, Bezug zu dem oben erwähnten seltsamen Titel der Kunstausstellung vorliegt.

    Am Tag darauf. Simona erzählt ihrer verständnisvollen Freundin Ellen von der Bekanntschaft mit Timo. Sie hört ruhig zu, rät schließlich – durchaus nicht uneigennützig – Simona solle mit Achim darüber reden. Gerade als diese sich in der häuslichen Küche anschickt, mit ihrer Beichte zu beginnen, sagt Achim schnörkellos: „Ich hab mit Ellen geschlafen.“ Und setzt hinzu, dass er nur sie, Simona, möge. „Scheiß Arschloch!“ hören wir sie sagen, bevor die Erzählung mit der Frage endet: Liebte sie ihn?

    Eine Geschichte über das Leben, bemerkte ich eingangs. Verhält es sich so? Gewiss – jedenfalls für diejenigen Leser, die bereit sind, die Wirrnisse der eigenen Seele, ihre Sehnsüchte und Abgründe wahrzunehmen und sich ihnen schonungslos zu stellen. Dana Polz ist im besten Wortsinn eine radikale Schriftstellerin. Sie blickt nicht in Seelenschluchten, sie steigt in sie hinab, geht an die Wurzeln unserer Existenz: Liebessehnsucht und Grausamkeit, das Verlangen nach Beständigkeit und Treulosigkeit, die Lust der Hingabe und Ekelgefühle, Schönheitsreize und leibliche Mängel, Reflexion und Verdrängung. Für ihre Radikalität gebührt der 23-Jährigen unser Dank – und auch für ihr hohes stilistisches Vermögen. Die Struktur der Geschichte, die Spannungsbögen, die im jeweiligen Zusammenhang authentischen Kraftausdrücke und die oftmals unerwarteten Wortfügungen erzeugen ein nachhaltiges Lesevergnügen. Es war ein guter Einfall der Verlegerin Karina Lotz, dass sie die Erzählung Der Schuh in „Schreibtisch. Literarisches Journal“, Ausgabe 2018, aufgenommen hat.

Füge deine Bewertung hinzu

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*